Aktuelles 16. Juni 2026
Warum jetzt so viele Erwachsene eine ADHS-Diagnose bekommen
+199 % mehr Erstdiagnosen bei Erwachsenen in neun Jahren. Was hinter dem Anstieg steckt, und warum das keine „Modediagnose" ist.
Stand 06/2026mit Quellen

Was die Zahlen zeigen
Die Kurve geht steil nach oben. Eine Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, veröffentlicht im Deutschen Ärzteblatt International, zeigt für Erwachsene zwischen 2015 und 2024 ein Plus von rund 199 % bei den ADHS-Erstdiagnosen (von 8,6 auf 25,7 je 10.000 Versicherte). Gleichzeitig gehen Fachleute davon aus, dass etwa 2–3 % der Erwachsenen ADHS haben, ein großer Teil davon bis heute ohne Diagnose.
Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Explosion. Tatsächlich passiert eher etwas anderes: Es wird nachgeholt, was jahrzehntelang übersehen wurde.
Warum der Anstieg?
Mehrere Entwicklungen kommen zusammen:
- Mehr Wissen, weniger Tabu. ADHS bei Erwachsenen ist erst seit vergleichsweise kurzer Zeit anerkannt und bekannt. Heute trauen sich mehr Menschen, der Sache nachzugehen.
- Social Media als Türöffner. Videos und Erfahrungsberichte führen dazu, dass sich viele zum ersten Mal wiedererkennen, als Anstoß wertvoll, als Selbstdiagnose nicht geeignet.
- Frauen rücken in den Blick. ADHS galt lange als „Jungs-Sache". Dass es bei Frauen oft leiser verläuft, spricht sich herum, sie holen Diagnosen nach.
- Nachholeffekt. Wer als Kind durchs Raster fiel, bekommt die Diagnose heute als Erwachsener, das treibt die Zahlen.
- Bessere Versorgung. Mehr Sprechstunden und Anlaufstellen senken die Hürde, überhaupt einen Termin zu suchen.
Es werden nicht plötzlich mehr Menschen ADHS. Es werden endlich mehr erkannt.
Keine „Modediagnose"
Der Begriff „Modediagnose" wird dem Thema nicht gerecht. Eine ADHS-Diagnose folgt klaren Kriterien (ICD-11, DSM-5), beruht auf ausführlicher Diagnostik und schließt andere Ursachen aus. Ein TikTok-Video oder ein Online-Test ersetzt das nicht. Dass mehr diagnostiziert wird, heißt nicht, dass beliebig diagnostiziert wird, es heißt, dass eine lange unterversorgte Gruppe endlich Hilfe findet.
Was das für Mittelfranken heißt
Mehr Nachfrage trifft auf begrenzte Termine, Wartezeiten von Wochen bis Monaten sind real. Genau dafür gibt es diesen Wegweiser: geprüfte Anlaufstellen an einem ruhigen Ort, damit du nicht im Termin-Dschungel allein dastehst. Wenn du dich wiedererkennst, ist der nächste Schritt eine fachliche Abklärung, kein Selbsttest.
Quellen & weiterführend
Wir verweisen auf offizielle Daten und Leitlinien. Bewusst keine Diagnosen oder Heilversprechen.
- Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi), Deutsches Ärzteblatt International (2025) – Anstieg der ADHS-Erstdiagnosen bei Erwachsenen um rund 199 % (Inzidenz 8,6 → 25,7 je 10.000, 2015–2024). zi.de
- Robert Koch-Institut, Journal of Health Monitoring (2024) – Daten zu Häufigkeit und Geschlechterverhältnis von ADHS in Deutschland. rki.de
- AWMF S3-Leitlinie ADHS 028-045 (Version 2.0, 2025) – die maßgebliche Leitlinie zu Diagnostik und Behandlung. register.awmf.org