Aktuelles 5. Oktober 2026

Diagnose da, Therapie nicht

Endlich die Diagnose, und dann kommt erst mal: nichts. Viele Erwachsene mit ADHS erleben genau diese Lücke. Woher sie kommt, wie lang sie im Schnitt ist, und was du in der Zwischenzeit in Mittelfranken konkret tun kannst.

Stand 10/2026Quelle: BPtK, 116117

Frau sitzt in einem Sessel und liest in Ruhe

Die Lücke ist echt

Die Bundespsychotherapeutenkammer hat Abrechnungsdaten von rund 300.000 gesetzlich Versicherten ausgewertet, die Anfang 2019 in einer psychotherapeutischen Sprechstunde waren. Ergebnis: Vom Erstgespräch bis zum Therapiebeginn vergingen im Schnitt 142,4 Tage, also fast fünf Monate. 40 Prozent konnten frühestens zwei Quartale später beginnen, mehr als 10 Prozent erst nach einem Jahr.

Das sind keine ADHS-spezifischen Zahlen, und sie sind ein paar Jahre alt. Sie zeigen aber gut, warum sich die Zeit nach der Diagnose so zäh anfühlt. Das liegt nicht an dir.

Warum es so lange dauert

Zwischen erstem Gespräch und Therapie liegen mehrere Schritte: meist zwei Sprechstunden-Termine, dann mindestens zwei Probesitzungen (probatorische Sitzungen), dann der Antrag bei der Krankenkasse. Bei einer Kurzzeittherapie hat die Kasse drei Wochen Zeit für die Entscheidung. Und vor allem: Viele Praxen führen Wartelisten, weil es schlicht zu wenige Plätze gibt.

Was du jetzt tun kannst

  • 116117 anrufen. Die Terminservicestelle muss dir innerhalb einer Woche einen Termin für eine psychotherapeutische Sprechstunde vermitteln, der Termin selbst liegt höchstens fünf Wochen in der Zukunft. Auch Akutbehandlung (bis zu zwölf Stunden) und Probesitzungen werden über die 116117 vermittelt. Online geht das über eterminservice.de.
  • Mehrere Wege parallel. Frag bei mehreren Praxen gleichzeitig nach Wartelisten und schreib dir auf, wen du wann kontaktiert hast. Wie das geht, steht ausführlich unter Therapieplatz finden.
  • Ambulanzen prüfen. In Mittelfranken gibt es Spezialsprechstunden und Ambulanzen, etwa an der Uniklinik Erlangen, an den Bezirkskliniken und an Ausbildungsambulanzen. Welche das sind und wie man sie erreicht, steht mit Prüfdatum im Verzeichnis.
  • Kostenerstattung kennen. Findest du nachweislich keinen Kassenplatz in zumutbarer Zeit, kann die Kasse unter Umständen eine Therapie in einer Privatpraxis bezahlen (§ 13 Abs. 3 SGB V). Dafür brauchst du die Nachweise deiner Anfragen. Frag vorher bei deiner Kasse nach.
  • Medizinische Seite klären. Ob und welche Behandlung neben Psychotherapie für dich infrage kommt, besprichst du mit deiner Fachärztin oder deinem Facharzt. Das läuft unabhängig vom Therapieplatz.

Die Wartezeit nutzen

Wissen hilft schon. Zu verstehen, wie das eigene ADHS-Gehirn tickt, entlastet viele direkt nach der Diagnose. Ein guter Anfang: Was ist ADHS? und Behandlung & Therapie.

Andere Betroffene treffen. In Mittelfranken gibt es mehrere ADHS-Selbsthilfegruppen, unter anderem in Nürnberg, Erlangen, Zirndorf, Eckental, Altdorf und Neustadt an der Aisch. Die Selbsthilfe-Seite zeigt, wie du hinfindest. Die Kontaktstellen (KISS) in Nürnberg, Erlangen, Ansbach, Hersbruck, Roth und Weißenburg vermitteln kostenlos.

Apps auf Rezept. Für manche Anliegen gibt es geprüfte digitale Gesundheitsanwendungen. Was das ist, steht unter DiGA.

Wenn es akut wird: Bei Krisen musst du nicht warten. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, im Notfall die 112. Dieser Beitrag ist eine Orientierung und ersetzt keine Beratung durch Kasse, Praxis oder Kassenärztliche Vereinigung.

Quellen

  • Bundespsychotherapeutenkammer, Pressemitteilung zu Wartezeiten, 09.12.2022 (Abrechnungsdaten der KBV, 1. Quartal 2019) – bptk.de (PDF)
  • 116117, Terminservice Psychotherapie: Sprechstunde, Akutbehandlung, probatorische Sitzungen – 116117.de
  • § 13 Abs. 3 SGB V (Kostenerstattung) – gesetze-im-internet.de

Geprüft: 05.10.2026.